Wirtschaft blickt pessimistisch in die Zukunft

Die seit Anfang Dezember gesperrte Rahmedetalbrücke auf der Sauerlandlinie führt zu immensen volkswirtschaftlichen Schäden. Diese summieren sich nach einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) auf rund 1,8 Milliarden Euro in fünf Jahren. Abriss und Neubau der Brücke an gleicher Stelle müssen daher so schnell wie möglich erfolgen, fordern die Auftraggeber der Expertise, der Verkehrsverband Westfalen e.V. und die IHKs in Arnsberg, Hagen und Siegen.

Volkswirtschaftliche Schäden treten durch das Fahren von Umwegen mit Zeitverlust und höherem Kraftstoffverbrauch, Unfallschäden und Abgasbelastung, bauliche Schäden auf den Umleitungsstrecken und in den Innenstädten sowie durch Wachstumshemmnisse als Folge schlechterer Erreichbarkeit auf. „Wenn sich täglich rund 48.000 Pkw und 16.000 Lkw neue Wege durch und um Lüdenscheid oder auf großräumigen Umleitungen suchen müssen, dann summieren sich die jährlichen Mehrkosten bei Unternehmen, Berufs-Pendlern und Privatreisenden auf 1,15 Milliarden Euro jährlich auf,“ erläutert IW-Volkswirt Hanno Kempermann. Die aktuellen Verkehrszählungen zeigten zudem, wie sehr mit einer auch bautechnischen Überlastung des regionalen Straßennetzes gerechnet werden müsste. Das gelte etwa für die B 55, die im Abschnitt zwischen der Anschlussstelle Olpe über Lennestadt-Grevenbrück und Eslohe bis Meschede eine zusätzliche Lkw-Belastung von täglich etwa 2.900 Fahrzeugen aufnehmen müsse. „Deren Ziel dürfte in den meisten Fällen das Sauerland sein“, kommentiert IHK-Geschäftsbereichsleiter Thomas Frye.  „Damit sind wir in Punkto Umwege und Zeitverluste sowie Verschleiß im Straßennetz ähnlich betroffen, wie die Unternehmen im Märkischen Kreis.“

Für die Regionen entlang der A 45 kommen noch die massiven Einschränkungen in der Erreichbarkeit dazu. Das trifft vor allem Industrie und Logistik in einer Region, die eine der höchsten Industriedichten aufweist und wie nur wenige andere in internationale Wertschöpfungsketten eingebunden ist. „Wenn man dann über Jahre deutlich längere Wege zur nächsten Autobahn-Anschlussstelle braucht, dann sind dies erheblich verschlechterte Rahmenbedingungen, die zur Zurückhaltung bei Investitionen oder Verlagerungen an andere Standorte sowie zu Problemen bei der Personalbindung führen“, erläutert Kempermann. „Auf dem Dortmunder Arbeitsmarkt brauche ich aktuell gar nicht mehr um IT-Fachkräfte für mein Unternehmen zu werben“, berichtet etwa ein Attendorner Unternehmer resigniert. Die nachlassende Standortdynamik lässt sich in konservativer Form mit insgesamt 617 Millionen Euro für fünf Jahre allein in der hauptsächlich betroffenen Region des Märkischen Kreises beziffern. „Herrscht wie gegenwärtig Unklarheit über die Dauer dieser Situation, führt das zu noch mehr Druck“, so Kempermann.

Angesichts dieser Daten und Entwicklungen besteht die Gefahr, dass die Region Südwestfalen insgesamt Schaden nimmt. „Je länger der gegenwärtige Zustand anhält, desto mehr verfestigen sich Vorbehalte von Unternehmen und Investoren gegen den Standort Südwestfalen“, sagt IHK-Präsident Andreas Rother. „Das können wir uns auf keinen Fall leisten und deshalb muss alles daran gesetzt werden, die Brücke in einem Zeitraum von deutlich unter fünf Jahren neu zu bauen.“  

„Der Krieg gegen die Ukraine, gestiegene Energiepreise, Inflation und gerissene Lieferketten setzen unseren Unternehmen stark zu. Noch sind die meisten Unternehmen gut ausgelastet, aber das könnte sich im Laufe der nächsten Wochen und Monate ändern“, kommentierte IHK-Präsident Andreas Rother die Frühjahrs-Konjunkturbefragung der IHK Arnsberg. Aufgrund der eingetrübten Aussichten fällt der IHK-Konjunkturklimaindikator, der die Lage und Erwartungen der Unternehmen zusammenführt, um 24 Punkte auf 91. An der Befragung Ende April haben 420 Unternehmen aus dem Hochsauerlandkreis und Kreis Soest teilgenommen.

Mit der aktuellen Lage ist eine deutliche Mehrheit der Unternehmen aus allen Branchen zufrieden. 43 Prozent der Betriebe beurteilen ihre Lage mit gut, 42 Prozent mit befriedigend und 15 Prozent mit schlecht. Das sind nahezu identische Werte wie zum Jahresbeginn, also vor dem Krieg in der Ukraine. Eine Verbesserung der geschäftlichen Entwicklung erwarten jetzt aber nur noch 9 Prozent der Unternehmen, zu Jahresbeginn waren es noch 21 Prozent. 44 Prozent befürchten hingegen eine Verschlechterung, mehr als doppelt so viele wie noch vor fünf Monaten. Der Blick auf die befürchteten Risiken für die konjunkturelle Entwicklung zeigt die Gründe für den Abwärtstrend. IHK-Volkswirt Stefan Severin: „Wie erwartet sieht das Gros die Energie- und Rohstoffpreise als den Bremsfaktor der konjunkturellen Entwicklung.“ Mit 86 Prozent der Nennungen sei diese Sorge so groß wie nie zuvor. Mit 77 Prozent dicht dahinter liegt die Verfügbarkeit von Rohstoffen. „Diese Punkte entscheiden über Wohl und Wehe der Konjunktur in der nächsten Zeit“, so Severin.

Die Gefahr einer Rezession zeigt sich auch in der wieder häufigen Nennung des Risikos Inlandsabsatz. Nach nur 27 Prozent zum Jahresbeginn, dem niedrigsten Wert seit Beginn der Pandemie, befürchten nun 44 Prozent, dass sich Krieg, Inflation und das Reißen von Lieferketten spürbar auf die gesamtwirtschaftliche Dynamik und damit auf die Nachfrage auswirken. Die erwarteten Folgen für den Konsum zeigen sich auch in den Umfrageergebnisse vom Handel, Bau und den meisten Dienstleistungen. „Die Betriebe gehen davon aus, dass die steigenden Kosten für den Lebensunterhalt deutlich auf die Kauflaune drücken“, erläutert Stefan Severin. Im Einzelhandel etwa erwartet mehr als jeder zweite Betrieb geringere Absätze. Der Fach- und Arbeitskräftemangel hat mit 49 Prozent Nennungen als Risikofaktor an Bedeutung verloren, wird aber immer noch am dritthäufigsten genannt. Severin: „Angesichts der tagesaktuellen Krisen ist das nachvollziehbar, doch die Brisanz des Megathemas Demografie bleibt den Unternehmen langfristig erhalten.“

„Die Industrie hat zwar einen hohen Exportanteil, doch auch die Aussichten für das Auslandsgeschäft haben sich deutlich eingetrübt und die Erwartungen sind eingebrochen“, so IHK-Präsident Rother. Zwar beurteilt in der Industrie immer noch eine deutliche Mehrheit die Lage mit gut, doch 46 Prozent der Unternehmen blicken pessimistisch in die Zukunft. Zu Jahresbeginn waren es nur 13 Prozent. Nahezu jedes Industrieunternehmen belastet derzeit zwei Themen, die Energie- und Rohstoffpreise und die Verfügbarkeit von Rohstoffen. „Ein Gasembargo gegen Russland oder auch ein Lieferstopp durch Russland schwebt wie ein Damoklesschwert über der Industrie. Neben weiter steigenden Kosten könnten ganze Industriezweige zum Stillstand kommen und Betriebe schließen müssen“, erläutert Andreas Rother. Angesichts der großen Herausforderungen sei es jedoch sehr erfreulich, betont der IHK-Präsident, dass es immer noch eine Mehrheit an Industriebetrieben gebe, die ihre Investitionen ausweiten wollen. Vorrang haben Investitionen in den Ersatz von Produktionsmitteln. Wichtiger geworden sind gezielte Investitionen in den Umweltschutz. Zudem wollen die Unternehmen an ihren Mitarbeitern festhalten. „Beides zeigt uns, dass die Industrie zuversichtlich ist, Lösungen für die aktuellen Herausforderungen zu finden und auch diese Krise erfolgreich zu bestehen“, ist Andreas Rother zuversichtlich.

Ganz anders sieht es in der Bauwirtschaft aus. Die Branche stand über mehrere Jahre unter Vollauslastung. Nun plant fast jeder zweite Betrieb, die Belegschaft zu verkleinern. Die Investitionsfreude ist komplett verflogen. „Die Preisexplosionen im Bausektor und der damit einhergehende Verlust der Planbarkeit hat die Branche schockiert“, stellt Stefan Severin fest. Noch sind nahezu alle Betriebe mit ihrer aktuellen Lage zufrieden, doch die Erwartungen sind stark eingebrochen. Eine Hälfte der Betriebe erwartet unveränderte Geschäfte, die andere Hälfte eine Verschlechterung. Niemand erwartet eine Verbesserung. „Die öffentlichen Auftraggeber etwa können nur das Geld ausgeben, was in den Haushalten beschlossen wurde. Steigen die Kosten massiv an, werden weniger Bauprojekte umgesetzt. Dadurch entsteht eine geringere Auslastung und weniger Personalbedarf in der Baubranche“, erläutert IHK-Präsident Rother.

Positiv an den Umfrageergebnissen ist das Bild, dass das Gastgewerbe zeichnet. „Diese Branche war durch Corona wohl am stärksten betroffen. Es freut mich für die Unternehmen, dass sie das nun hinter sich gelassen haben“, betont Andreas Rother. Nach dem großen Tief während des Lockdowns im Winter zeigt sich nun wieder eine Mehrheit mit der Lage zufrieden, fast jeder zweite Betrieb blickt optimistisch in die Zukunft und erwartet gute Geschäfte. „Zwei weitere Indizien, dass die Branche nach der Pandemie zuversichtlich ist, sind die Investitions- und Beschäftigungsabsichten“, ergänzt Stefan Severin. Fast zwei Drittel der Betriebe planen mehr zu investieren. Zudem wollen fast 40 Prozent die Belegschaft vergrößern und 54 Prozent mit der aktuellen Mannschaft weiterarbeiten.