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Der Weg zur Klimaneutralität im Betrieb

Betriebliche Klimaneutralität beginnt mit der Analyse des Ist-Zustandes und der Frage: Wie hoch sind meine CO2-Emissionen und an welcher Stelle treten sie auf? Im Bereich der Messung haben sich einige wenige Standards in der Vergangenheit herausgebildet. Neben dem ist auch zu beachten, dass es weitere Treibhausgase wie Methan (CH4) usw. zu berücksichtigen gibt und man im Allgemeinen von CO2-Equivalents (im Deutschen: Äquivalenten) spricht.

CO2-Bilanzierungsstandards

  • Greenhouse Gas Protocol (GHG-Protocol)
  • DIN EN ISO 14064 (Organisationsebene)
  • DIN EN ISO 14067 (Produktebene)

Das GHG-Protocol ist der weltweit am häufigsten verwendete Standard, weil er auf eine Vielzahl von Organisationsformen und Ebenen angewendet werden kann und von einer internationalen Community, dem WBCSD und dem World Resources Institute seit 1998 entwickelt und konstant überarbeitet wird. Die DIN EN ISO 14064/67-Normen sind vor allem für Unternehmen, die bereits ein Umweltmanagementsystem nach DIN EN 14000 implementiert haben von Vorteil, da sie den bereits bestehenden Workflow einfach um die 64 oder die 67-Norm erweitern müssen. Der hier vorliegende Artikel beschränkt sich im Weiteren auf das GHG-Protocol.

Grundsätze

1. Relevanz: Stellen Sie sicher, dass die ausgewählten Emissionsdaten für alle internen und externen Stakeholder von Relevanz und nicht minderbedeutend sind.

2. Vollständigkeit: Stellen Sie sicher, dass die ausgewählten Emissionsdaten im Rahmen der ausgewählten Bilanzgrenzen vollständig sind.

3. Konsistenz: Stellen Sie sicher, dass die ausgewählten Annahmen einheitlich und konsistent sind, damit ein Zeitvergleich möglich wird.

4. Transparenz: Stellen Sie alle getroffenen Annahmen der Öffentlichkeit zur Verfügung und lassen Sie diese extern prüfen.

5. Exaktheit: Stellen Sie sicher, dass Sie Ihre Emissionen nicht systematisch zu klein oder zu groß erscheinen lassen.

Bitte beachten Sie, dass eine CO2-Bilanz kein Jahresabschluss ist und auch nicht so behandelt werden sollte. Sie taugt nicht zum Vergleich zwischen Unternehmen, sodass ein Benchmarking nicht möglich ist. Sie dient lediglich als Hilfsinstrument für das bilanzierende Unternehmen, um die Einhaltung der eigenen Treibhausminderungsziele im Zeitverlauf zu überprüfen!

Scopes

Das GHG-Protocol unterscheidet zwischen drei Umfangsbereichen, so genannten Scopes. Scope 1 sind die direkten Emissionen aus der Geschäftstätigkeit. Scope 2 sind die indirekten Emissionen aus der Energienutzung für die Geschäftstätigkeit und Scope 3 sind die indirekten Emissionen aus der vor- und nachgelagerten Wertschöpfungskette. Bei der Erfassung sämtlicher CO2-Emissionen schließt das GHG-Protocol im Übrigen nicht nur das CO2-Molekül mit ein, sondern im Wesentlichen fünf weitere Molekülgruppen, weshalb man im Allgemeinen hin von CO2e für CO2-Equivalents spricht. Im Deutschen also CO2-Äquivalente. Da verschiedene Treibhausgase verschiedenartig in der Atmosphäre wirken, werden die gängigen Treibhausgase im so genannten GWP-100-Standard normiert. Dieser Standard beruht auf wissenschaftlichen Untersuchungen über die Treibhauswirksamkeit von Treibhausgasen über einen Zeitraum von 100 Jahren. Dies ist relevant, da verschiedene Gase unterschiedlich lange in der Atmosphäre verweilen und auch unterschiedlich stark Wärmeinfrarotstrahlung abfangen und die Atmosphäre aufheizen. CO2 bleibt beispielsweise mehrere 100 bis 1.000 Jahre in der Atmosphäre, bevor es von der Biosphäre zersetzt und gespeichert werden kann. Methan (CH4) beispielsweise verweilt lediglich wenige Jahrzehnte in der Atmosphäre während es ungleich stärker Infrarotstrahlung absorbiert. In der Folge ist Methan 28-mal klimaschädlicher als CO2. Stickstoff (N2O) hingegen ist sogar 265-mal klimaschädlicher. Die aktuelle Umrechnungstabelle ist hierunter zu finden.

Scope 1 - Direkte Emissionen

Damit sind folgende Kategorien gemeint: 1. Emissionen aus der Erzeugung von Elektrizität, Wärme oder Dampf, 2. Emissionen aus physikalischen oder chemischen Prozessen, 3. Emissionen aus dem Transport von Mitarbeitern, Materialien, Produkten oder Abfällen sowie 4. flüchtige Emissionen aus Leckagen oder Ähnliches.

Entsprechende Daten können aus Primär- oder Sekundärquellen herangezogen werden. Primärquellen können Lieferantenrechnungen, Zählerstände oder andere eigene Messwerte sein. Sekundärquellen können Datenquellen oder berechtigte und offengelegte Annahmen sein.

Scope 2 - Indirekte Emissionen aus der Energienutzung

Damit sind folgende Kategorien gemeint: 1. Emissionen aus der Erzeugung extern eingekaufter Energieträger und 2. Emissione aus Stromverlusten durch Transport und Distribution.

Auch hier können Primär- oder Sekundärquellen herangezogen werden.

Scope 3 - Indirekte Emissionen aus dem vor- und nachgelagerten Wertschöpfungsprozess

Damit sind folgende Kategorien gemeint: 1. Emissionen aus der Herstellung von eingekauften Gütern/Dienstleistungen/Treibstoffen, 2. Emissionen aus Transportaktivitäten, 3. Emissionen aus strombezogenen Aktivitäten, die nicht Scope 2 enthalten sind, 4. Emissionen aus Leasing, Franchise und ausgelagerten Aktivitäten, 5. Emissionen aus der Nutzung von verkauften Gütern und Dienstleistungen und 6. Emissionen aus der Abfallentsorgung.

Auch hier können Primär- oder Sekundärdaten herangezogen werden.

Datenbanken

Um brauchbare Sekundärdaten zu erhalten sind gute Datenbanken von unschätzbarem Wert. Einge Datenbanken sind zum Beispiel:

Online-Tools zur CO2-Bilanzierung

Mittlerweile haben sich zahlreiche On- und Offline-Tools zur Berechnung der CO2-Bilanz etabliert. Die Effizienzagentur NRW bietet ein kostenloses und browserbasiertes Online-Tool unter www.ecocockpit.de an. Melden Sie sich gern bei uns, wenn Sie Unterstützung bei Ihrer ersten CO2-Bilanz benötigen.

Der Weg zur Klimaneutralität: Science Based Targets Initiative (SBTi)

Um letztlich klimaneutral zu wirtschaften, sollte man nach der Erstellung einer CO2-Bilanz einen Reduktionspfad definieren und regelmäßig prüfen. Auf dem Weg zur Klimaneutralität kann auch auf eine sog. CO2-Kompensation zurückgegriffen werden. Dabei wird durch den Erwerb von Zertifikaten eine bestimmte Restmenge an Treibhausgasemissionen kompensiert, indem mit dem Geld dieser Zertifikate erneuerbare Energien-Projekte angestoßen oder Aufforstungsprojekte unterstützt werden.

Es ist hierbei sehr wichtig, nur dann auf die CO2-Kompensation zurückzugreifen, wenn das Unternehmen zunächst CO2-Emissionen

  • 1. vermieden hat,
  • 2. nicht vermeidbare CO2-Emissionen reduziert hat,
  • und erst im dritten Schritt CO2-Emissionen kompensiert.

Dies ist wichtig, da CO2-Kompensationsprojekte sonst den Charakter eines bloßen Ablasshandels erlangen ohne wirkliche Änderungen im Unternehmen anzustoßen.

Anhand der sog. Science Based Targets Initiative kann ein solcher Weg wissenschaftlich fundiert und öffentlichkeitswirksam beschritten werden. Anhand der 1,5-Grad-Zielmarke wird ein unternehmensspezifiches Ziel festgelegt, das regelmäßig kontrolliert wird. Unter www.sciencebasedtargets.org können sich Unternehmen informieren und an der Initiative beteiligen.

Aktualisiert am 24.10.2022