Informieren, Probesitzen und Testen: Beim Südwestfälischen Elektromobilitätstag in Warstein gab es einen umfassenden Überblick über den Stand der Elektromobilität und die künftig erwarteten Innovationen. Spätestens in 5 Jahren könnte die Automobilwelt eine radikale Trendwende erleben, war eine zentrale Erkenntnis.

„Es ist wie mit der Ketchup-Flasche – man weiß dass etwas kommt, aber nicht wann und wieviel!“ Uwe Lütge-Varney (Mercedes Autohaus Rosier) machte die gegenwärtige Situation humorvoll deutlich. Die aktuelle Zurückhaltung der Autokunden ist mit dem trotz staatlicher Prämien immer noch hohen Preisunterschied gegenüber klassischen Verbrennern zu erklären. Hinzu kommt das weiterhin nur sehr weitmaschige Netz an Ladestationen und die nur begrenzte Reichweite aktueller Akku-Technologie der zurzeit am Markt verfügbaren Fahrzeuge. Entstehen hier durchdringende Verbesserungen, dann könnte sich der Pfropfen im Flaschenhals sehr schnell lösen. Viele Referenten des Elektromobilitätstages zeigten auf, dass und wie sie daran arbeiten. Wichtigste Botschaft dabei: Die sich abzeichnende technologische Entwicklung lässt erwarten, dass die noch bestehenden Kostenvorteile des Verbrennungsmotors spätestens in 5 Jahren verschwunden sind. (s. Kasten)

Prof. Andreas Pinkwart, der neue NRW-Wirtschafts- und Innovationsminister jedenfalls machte den rund 250 Fachbesuchern im Casino der Infineon AG in Belecke Mut, diesen Weg zu beschreiten. Er rief die Automobilindustrie, ihre in Südwestfalen breit vertretenen Zulieferer und auch die Anwender aus der Wirtschaft dazu auf, neue technische Lösungen zu entwickeln und einzusetzen. Bei der schrittweisen Einführung von Elektrofahrzeugen sollten die Unternehmen auch einmal risikobereit sein. „Es wird auch einmal etwas schiefgehen“. Dabei hatte Pinkwart selbst das Risiko nicht gescheut.  Gemeinsam mit Pressesprecher, Reporter und Fahrer war er den Weg vom Ministerium zum Veranstaltungsort (140 km) mit einem BMW i3 vollelektrisch gefahren. „Das wären keine schönen Bilder gewesen, wenn wir auf der Autobahn liegen geblieben wären“, war der Minister sich des Risikos bewusst. Unter der Hand war denn auch von Mitreisenden zu hören, dass es so gerade gereicht hat:  „Die Restreichweite bei der Ankunft in Belecke betrug noch 7 km!“

Mut wie ein Wirtschaftsminister bewiesen im Best-Practice-Teil der Veranstaltung zwei Unternehmen, die höchst ungewöhnliche Wege beschritten, um ihren Mobilitätsbedarf vollelektrisch zu decken. Mit dem Streetscooter, einem ursprünglichen Protoypen der RWTH Aachen, hat die Deutsche Post nach der Übernahme für ihre Zusteller eine optimale elektrische Anwendung gefunden. „Die Kosten von Wartung und Verschleiß sind durch den Streetscooter um 60-80 % gesunken und die Kraftstoffkosten um 60-70 % niedriger, als beim Verbrenner“, berichtete Dr. Jörg Salomon, Vizepräsident von Streetscooter. Ende des Jahres würden bundesweit 5.000  der gelben Zustellfahrzeuge unterwegs sein, perspektivisch bis zu 40.000. Dazu wird das aktuelle Modell „Work“ (710 kg Zuladung) um eine L-Version (960 kg Zuladung) und ab 2019 um die XL-Serie (1350 kg Zuladung) erweitert.

Mittlerweile bietet die „Deutsche-Post-Automobilproduktion“ ihre Fahrzeuge auch Dritten zum Kauf an – farblich und technisch auf die jeweiligen Bedürfnisse angepasst. Ein Partner ist dabei die „Selbsthilfegruppe E-Transporter“, zu der sich auf Initiative des Hildeners Roland Schüren zahlreiche Bäcker zusammengefunden haben. Für die Auslieferung seiner Bio-Produkte rund um Düsseldorf fand „Ihr-Bäcker-Schüren“ kein wirklich passendes Fahrzeugangebot am Markt. So wurde ein Anforderungsprofil definiert und an mehr als 50 Hersteller und Umrüster versandt. „Aus 15 ernstzunehmenden Angeboten haben wir uns dann für das BV1 (Bakery Vehicle One) entschieden“, erläutert er. Die Weiterentwicklung des Streetscooter mit Zwillingsachse und erhöhtem Laderaum wurde passend nicht auf der IAA, sondern zwei Tage vor dem IHK-Elektromobilitätstag auf der Südback in Stuttgart vorgestellt. Demnächst folgt als BV2 noch der Umbau eines Kastenwagens durch einen Slovakischen Hersteller. In der relativ kurzen Zeitspanne von 3-4 Jahren amortisierten sich die höheren Anschaffungs-Investitionen des Elektrofahrzeuges (+ 40 %) vergleichsweise schnell.

Bäcker Schüren, der nicht nur in seiner Branche mittlerweile missionarisch unterwegs ist, setzt dabei auf Ganzheitlichkeit. Die Photovoltaik-Anlage auf seinem Betrieb in Hilden erzeugt Strom zur Unterstützung des Backbetriebes und zum Aufladen der Ausliefer-fahrzeuge. Deren Akkus dienen vor allem nachmittags als Speicher nicht benötigter Sonnenenergie, die dann am frühen Morgen wieder für den Backbetrieb eingesetzt wird. Auf diese Weise sichert sich der Bäcker nicht nur spürbare Kostenvorteile gegenüber der Konkurrenz. „Auch der Imagegewinn, wenn unsere Fahrzeuge vor den Filialen in den Innenstädten gesehen werden, ist beträchtlich“.
Minister Pinkwart übrigens ist nach seinem rund 90minütigen Aufenthalt wieder rechtzeitig zum nächsten Termin in der Landeshauptstadt angekommen. Schließlich konnte sein Dienstfahrzeug an der regional größten Ansammlung von Ladesäulen auf dem Infineon-Betriebsparkplatz wieder ausreichend aufgeladen werden.

Mit vernetzter E-Mobilität zukunftsfähig aufstellen

Ein Kommentar von Thomas Frye

Der Vergleich der Elektromobilität mit der Ketchup-Flasche ist sicherlich passend für die aktuelle Situation. Aber ganz gleich, ob wir uns auf eine schleichende Entwicklung oder einen plötzlichen Radikalimpuls einstellen müssen: An der Elektromobilität führt spätestens seit Abgas-Skandal und drohenden Fahrverboten kein Weg vorbei. Südwestfalen ist deshalb gut beraten, sich frühzeitig mit dem Einsatz von Elektrofahrzeugen zu befassen.  Viele Verkehre finden nur im regionalen Umfeld statt und eignen sich daher für Bäcker genauso wie für Pflegedienste oder regionale Auslieferungen.

Die neue Technik ist aber weit mehr als nur der Wechsel des Energieträgers. Weil die Effekte für Klima- und Gesundheitsschutz nur greifen, wenn der Strom regenerativ erzeugt wird, müssen die Ladekapazitäten der Fahrzeuge auch für den Ausgleich von Angebots- und Nachfrageschwankungen im Stromnetz genutzt werden. Als Industrieregion mit Kernkompetenzen im Smart Home wie im Fahrzeugbau sind hiesige Unternehmen geradezu dafür prädestiniert, in Kooperation miteinander weitere Vernetzungslösungen anzubieten.

Letztendlich steht das elektrifizierte Fahren auch in engem Zusammenhang mit dem Megatrend Digitalisierung und der gesellschaftlichen Entwicklung. Beides führt dazu, dass nicht mehr das Statussymbol Auto, sondern die Mobilitätsbedürfnisse im Mittelpunkt stehen. Je nach Situation kann das mal der eigene PKW, mal der Umweltverbund einschließlich E-Bikes oder das mit anderen geteilte Fahrzeug des Stadtviertels oder Dorfes oder gar eine Kombination verschiedener Angebote sein. Hier können Konzepte entwickelt werden, die das Angebot verbessern und gleichzeitig Kosten senken. Das wäre ein signifikanter Beitrag zu mehr Lebensqualität, mit dem das Abwandern aus den ländlichen Regionen gebremst werden könnte. An solchen Lösungen muss jetzt mit Perspektive für das nächste Jahrzehnt gearbeitet werden. Der erneute Zuschlag für eine REGIONALE 2025 bietet die Chance, solche Ideen mit öffentlicher Förderung zu flankieren.

Weitere wichtige Botschaften aus den Fachreferaten

Die AMTRON-Wallbox von Mennekes vernetzt E-Mobilität mit Energieerzeugung und Energieverbrauch im Privathaus und im Betrieb (sog. Smart Home).  Der PKW dient dabei als Zwischenspeicher, dessen Ladezustand mittels App verfolgt und nachjustiert werden kann. (Alfred Vrieling, Mennekes Elektrotechnik GmbH)

Straßenleuchten werden in naher Zukunft als flächendeckendes Netz an Ladestationen im öffentlichen Straßenraum fungieren und machen bauliche Maßnahmen überflüssig. (Jörg van de Loo, Trilux GmbH)

Innogy baut das öffentliche Ladenetz mittels Förderung durch das BMVI um rund 2.500 Ladepunkte bundesweit aus. (Stefan Helnerus, Innogy). 20 Mio. € aus einem Sofortprogramm der neuen NRW-Landesregierung stehen ab Ende 2017 für Ladestationen und die Umrüstung von Fahrzeugflotten bei Unternehmen und Kommunen zur Verfügung. (Patrick Kügler, Elektromobilität.NRW)

Konzeptionell passen touristische Angebote und Elektromobilität in einer naturbezogenen Erholungsregion gut zusammen. Weitere Ladestationen sollen daher von Hoteliers aber auch an touristischen Ausflugszielen bis hin zu zentralen Wanderparkplätzen eingerichtet werden. (Dr. Jürgen Fischbach, Sauerland-Tourismus e.V.)

Mercedes Benz  und Ford ebenso wie viele andere Hersteller bringen voraussichtlich ab 2020 zahlreiche elektrogetriebene Fahrzeug-Modelle auf den Markt der PKW und leichten Nutzfahrzeuge für den gewerblichen Einsatz. (Georg Dreier, Ford-Werke GmbH, und Uwe Lütge-Varney, Mercedes Autohaus Rosier GmbH  & Co. KG)

Impressionen vom Elektromobilitätstag


Thomas Frye

Tel:02931 878-159
Fax:02931 878-285
E-Mail

Franziska Fretter

Tel:02931 878-162
Fax:02931 878-285
E-Mail